WIE ATMEN SIE?

Die unterschätzte Superkraft: Warum wir verlernt haben, richtig zu atmen

Die konventionelle Medizin unterschätzt bis heute massiv, wie grundlegend eine funktionelle Atmung die physische und psychische Gesundheit beeinflusst. Dabei blicken wir auf ein evolutionäres Meisterwerk zurück: Über Millionen von Jahren hat sich unsere Atmung optimiert und an den aufrechten Gang angepasst. Ein entscheidender Meilenstein war dabei die Entstehung des Zwerchfells vor rund 300 Millionen Jahren. Dieser evolutionäre Sprung ersetzte die weniger effektive Brustatmung durch die weitaus effizientere Zwerchfellatmung.

Diese Entwicklung zeigt, wie eng Atemmuster mit unserer biologischen Anpassung verbunden sind.

Das Paradoxon: Unsere Atmung scheint sich zurückzuentwickeln

Obwohl uns die Evolution das perfekte Werkzeug geschenkt hat, zeigen aktuelle Forschungen ein besorgniserregendes Bild: Immer mehr Menschen verfallen in eine flache Brust- oder Mundatmung. Unser moderner Lebensstil – geprägt von Bewegungsmangel, Fehlhaltungen und Umweltfaktoren – verdrängt die biologisch effektivste Methode: die tiefe Nasenatmung.

Verstopfte Atemwege oder eine dauerhaft falsche Körperhaltung zwingen uns in Atemmuster, die unserem Organismus langfristig schaden. Dabei ist die evolutionsbiologisch effektivste Form der Atmung kein Geheimnis: Sie ist leise, rhythmisch-variabel und erfolgt tief durch die Nase.

Bevor wir in den kommenden Beiträgen die zahlreichen positiven Effekte der Atempraxis beleuchten, richten wir heute den Fokus auf den Ursprung – Ihre eigene Atmung:

Wie atmen Sie? Jetzt gerade, in diesem Moment?

Das Wissen über die eigene Atmung ist entscheidend. Es kann uns helfen gesünder zu werden und wenn nötig Atemgewohnheiten zu identifizieren, die für unsere umfassende Gesundheit ungünstig sind. Durch Atempraxis oder durch Atemmuskeltraining können Sie die Atemmuskulatur stärken und das persönliche Atemmuster langfristig verbessern.

Deshalb möchte ich Sie heute dazu einladen, einen Augenblick inne zu halten und Ihren Atem wahrzunehmen.

Atmen Sie durch die Nase oder durch den Mund?

Die normale Ruheatmung sollte immer durch die Nase stattfinden. Die körperliche und die psychische Gesundheit sind physiologisch direkt von der Nasenatmung abhängig.

Sind Ihre oberen Atemwege frei?

Das ist insofern wichtig, als dass Nasenatmung tagsüber und nachts nur dann möglich ist, wenn es die Nase zulässt. Verstopfte Nasennebenhöhlen und eine dauerhaft angeschwollene Naseschleimhaut fördern die ungesunde Mundatmung.

Schlafen Sie mit offenem oder mit geschlossenem Mund?

Auch nachts atmen Sie idealerweise mit geschlossenem Mund durch die Nase. Das Schlafen mit offenem Mund zieht viele unangenehme Folgen wie trockene Schleimhäute, nächtliche Weckreaktionen und Schnarchen nach sich. Auch Symptome wie die Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf) und tiefgreifende Erkrankungen wie das metabolische Syndrom (Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck) werden durch die Atmung durch den Mund – tagsüber und nachts – begünstigt.

Welches Nasenloch ist dauerhaft freier und somit dominant?

Da die Anschwellung der Nasenschleimhaut kontralateral mit den Gehirnhemisphären in Verbindung steht ( ist das rechte Nasenloch aktiver spiegelt es sich in der Aktivität der linken Hemisphäre wider und umgekehrt) ist es ausserordentlich wichtig, dass die Nasenlöcher sich in der Anschwellung abwechseln. Ist eine Nasenseite durch eine Verschiebung der Nasenscheidewand, Allergien oder sonstiges langfristig undurchlässig oder verstopft, hat es auf Dauer ungünstige Auswirkungen sowohl auf die Lungen- als auch auf die Gehirnfunktionen.

Wenn Sie als Übung bewusst versuchen, durch das verstopfte Nasenloch zu atmen, stimulieren Sie aktiv die Nasenschleimhaut dieser Seite. Der Luftdruck wirkt dabei direkt auf das Gewebe ein, sodass sich die Nasengänge mit der Zeit immer weiter öffnen können. Im Allgemeinen gilt:

Nasenatmung fördert Nasenatmung.

Je mehr wir uns zwingen, durch die Nase zu atmen, umso durchlässiger werden die Nasengänge.

Atmen Sie leicht und fließend oder angespannt und anstrengend?

Normales Atmen fließt immer leicht und ohne Anstrengung. Eine angestrengte Atmung deutet auf körperliche oder psychische Anspannungen sowie andere Symptome oder Erkrankungen hin. In diesem Fall empfiehlt sich eine ärztliche Abklärung.

Ist Ihr Atem deutlich hörbar oder geräuschlos?

Einen gesunden Atem sollte man nicht hören. Atmung wird nur hörbar, wenn wir uns körperlich belasten oder unter Erkrankungen wie Asthma, COPD, Erkältungen oder Entzündungen der Atemwege und Infektionen leiden. Sollte Ihr Atem laut hörbar und geräuschvoll sein ist es anzuraten Ihren Arzt zu konsultieren.

Beobachten Sie beim Atmen in Ruhe, dass Sie Luft ziehen?

Das Lufteinziehen signalisiert oft psychischen Stress, entspringt aber mitunter auch schwerwiegenden Erkrankungen wie Herzproblemen, Infekten oder geschädigten Atemwegen. Auch hier ist eine ärzliche Abklärung zu emfpehlen.

Wie oft seufzen oder gähnen Sie?

Durch das Gähnen und durch das Seufzen unterstützt der Körper den Gasaustausch und reguliert so durch die Veränderung der Atmung in Frequenz und Tiefe auch Stress und körperliche Anspannung. Beobachten Sie bei sich extrem häufiges Seufzen oder Gähnen, deutet dies unter Umständen auf neurologische Ursachen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin. Solche Atemmuster haben oft harmlose Gründe, verdienen aber besondere Aufmerksamkeit, wenn Symptome wie Brustschmerzen, Schwindel, starke Müdigkeit oder Atemnot sie begleiten. In diesen Fällen schafft eine ärztliche Untersuchung Klarheit und schließt ernsthafte Probleme sicher aus.

Wie variabel ist Ihr Atemrhythmus?

Der variable Rhythmus der Atmung (= Atemratenvariabilität –ARV) weist konform zum variablen Rhythmus des Herzschlags (= Herzratenvariabilität – HRV) auf körperliche und psychische Gesundheit hin. Dabei gilt: Je variabler, desto besser. Eine gesunde Atmung kann sich konform dem Herzschlag immer schnell unterschiedlichen Anforderungen aus dem Körperinneren und aus der Umwelt anpassen. Sollten Sie beobachten, dass Ihre Atmung regelmäßig „stockt“ oder dass Atempausen tagsüber oder nachts auftreten, besprechen Sie es bitte mit Ihrem Arzt.

Fühlt sich Ihr Rumpf bzw. Brustkorb flexibel oder angespannt an?

Starke Spannungen im Muskelgewebe des Rumpfes und des Brustkorbs erhöhen den Widerstand beim Atmen. Diese muskulären Verspannungen schränken die Beweglichkeit der Wirbelsäule sowie die freie, tiefe Atmung ein. Gezielte Physiotherapie oder Yoga lindern diese Blockaden, beugen Verspannungen vor und halten das Gewebe geschmeidig.

Atmen Sie im Alltag tief (Zwerchfellatmung) oder neigen Sie eher zu einer flachen Atmung (Brustatmung)?

Das Zwerchfell kontrolliert idealerweise Ihre Atmung, nicht die Flanken. Ihre körperliche und mentale Entspannung hängen dabei direkt von der Tiefe Ihrer Atemzüge ab. Eine flache Brustatmung stimuliert das Lungengewebe nur unzureichend. Dadurch bleiben wichtige Rezeptoren des Parasympathikus inaktiv, da diese in den unteren Bereichen der Lunge liegen und ein bestimmtes Atemvolumen benötigen. Im Gegensatz dazu stehen die oberen Lungenbereiche vor allem mit Rezeptoren in Verbindung, die an den Sympathikus knüpfen. Eine flache, schnelle Atmung verstärkt folglich rein physiologisch die sympathische Anspannung und die Stressreaktion in Ihrem Körper. Entwickelt sich die Brustatmung zu einem chronischen Zustand, bezeichnen Mediziner dies als Hyperventilationssyndrom.

Fällt es Ihnen leicht oder schwer in den Bauch zu atmen?

Eine eingeschränkte Bauchatmung resultiert häufig aus muskulären Verspannungen der Rückenpartie. Fehlhaltungen beim Sitzen, Bewegungsmangel oder chronischer Stress erhöhen den Muskeltonus derart, dass die Atemmechanik blockiert. Ebenso beeinträchtigen gastrointestinale Faktoren die Zwerchfellaktivität: Gasansammlungen im Darm verlagern das Zwerchfell kranial (nach oben) und reduzieren das inspiratorische Volumen. Zudem reizt Reflux den Nervus phrenicus oder das Zwerchfell direkt, was tiefe Atembewegungen spürbar erschwert.

Bewegen sich Ihre Schultern beim Ein- und Ausatmen?

Die Atembewegung sollte äußerlich nicht sichtbar sein. Bewegen sich beim Atmen Ihre Schultern, zeugt es davon, dass Sie gerade angestrengt atmen. Diese Atmung zeugt von Stress, kann aber auch Anzeichen einer ernsten körperlichen Erkrankung sein. Lange Episoden dieser Atmung können die Nackenmuskulatur verspannen und Hals- und Nackenprobleme fördern.

Jeder Atemzug entscheidet über Ihre Gesundheit

Wie Sie sehen, ist eine gesunde Atmung an bestimmte anatomische Grundlagen geknüpft. Die wichtigsten und fundamentalsten Prinzipien der Atmung, die sich innerhalb der Evolution herausgebildet haben sind:

NASENATMUNG:
LEISE
RHYTHMISCH
VARIABEL
TIEF (ZWERCHFELLATMUNG)

Eine leise, rhythmisch-variable und tiefe Zwerchfellatmung durch die Nase entscheidet folglich über den Zustand unseres Körpers und aller seiner Zellen. Evolutionsbiologisch bringt sie mit dem geringsten energetischen Atemaufwand die größte Atemeffizienz und ist grundlegend für die Aufrechterhaltung der Gesundheit.

Sind wir gesund und entspannt, ist es wahrscheinlich, dass auch unsere Atmung gesund und entspannt ist. Leiden wir unter Verspannungen, Stress oder anderen körperlichen oder psychischen Symptomen wird sich das ebenfalls in unserer Ruheatmung widerspiegeln.

Haben Sie innerhalb der oben dargestellten Punkte Atemweisen identifiziert, die Ihrer Gesundheit schaden könnten, klären Sie zunächst ab, ob anatomische Faktoren vorliegen, die eine normale Nasenatmung verhindern. Stellen Sie bei sich selbst fest, dass Sie tagsüber und nachts vermehrt durch den Mund atmen, unter Schlafapnoe leiden oder flach und schnell atmen, oder sogar hyperventilieren, konsultieren Sie Ihren Arzt, um schwerwiegendere Erkrankungen auszuschließen bzw. um diesen rechtzeitig Vorzubeugen.

Das Wissen um die eigenen Atmung und die Arbeit mit dem Atem können die Gesundheit und die Lebensqualität signifikant verbessern. Weitere relevante Informationen zum Thema Atmung finden Sie auch in meinem am 13.3.2026 erschienenen Buch: Ich atme also bin ich.

Quelle: Wolke., M. (2026). Ich atme also bin ich. Wie Atmung Denken Fühlen und Verhalten in Einklang bringt. Mayer& Meyer: Achen.

Im nächsten Blog: Atemarbeit ≠ Atemarbeit: die 6 Säulen der Atempraxis