ATEM-BLOG 2. Atempraxis in 6 Säulen: Wirkmechanismen & neuronale Grundlagen

Grafik der 6 Säulen der Atempraxis und ihrer Wirkmechanismen auf Gehirn und Nervensystem

In diesem Artikel erkläre ich die Wirkung hinter der Atempraxis in 6 Säulen.

Nachdem Sie im letzten Atem-Blog identifiziert haben, wie Sie im Alltag atmen, wenden wir uns in diesem Blog der Frage zu, wie Sie durch Atempraxis Ihre persönlichen Entwicklungsziele erreichen können. Sie werden erfahren, was Sie beachten sollten, damit das Instrument Atmung als Reflex die volle Wirkung im Körper und im Gehirn entfalten kann. Denn Atempraxis ist nicht gleich Atempraxis.

Die sechs Säulen der Atempraxis

Atempraxis ist ein psychophysiologisches Verfahren und ein körperliches, emotionales und kognitives Trainingsinstrument. Über unterschiedliche Zugänge kann sie helfen, das Nervensystem und das Gehirn in Funktion und Struktur zu verändern. Damit jede Körperzelle optimal von der Praxis profitiert, schlage ich vor, die Wirkmechanismen hinter der Atempraxis in sechs Säulen zusammenzufassen:

  1. Intention
  2. Aufmerksamkeit
  3. Interozeption
  4. Achtsamkeit
  5. Psychoedukation
  6. Technik

Säule 1: Der Wille ist der Weg – die Intention zur Praxis

Die Intention ist die Absicht bzw. der Vorsatz, eine bestimmte Handlung durchzuführen oder ein gesetztes Ziel zu erreichen. Die Intention, etwas zu tun – ganz gleich, was –, hat immer mit Motivation und Selbstüberwindung zu tun. Auch wenn die Atempraxis eine sehr wirkungsvolle Übung darstellt, ist sie zu Beginn, insbesondere mental, keine einfache Übung. Unser „Denker“ ist schnell gelangweilt. Ständig sucht er nach Aufregung – im Innen und im Außen. Auf die anfängliche Anstrengung kann er deshalb schnell mit Überforderung und Demotivation reagieren.

Mit etwas Neuem zu beginnen, bedeutet oft eine mentale Überwindung und manchmal auch eine Konfrontation mit den eigenen inneren Blockaden. Ohne einen festen Vorsatz und die damit einhergehende Disziplin ist es schwer, die selbst gesetzten (Atem-)Ziele zu erreichen.

Intention: der nötige Reiz für das Gehirn

Die Intention, etwas Bestimmtes zu tun, hinterlässt auch Spuren im Gehirn. Sie stärkt den Kortex, also den Bereich, der die Entscheidungsfindung und mentale Kontrolle steuert, und hilft dem Gehirn, sich durch Wiederholung langfristig neu zu organisieren. Der Wille, also die Intention, die Atempraxis im eigenen Alltag zu etablieren, ist deshalb die erste und bedeutendste der 6 Säulen in der Atempraxis. Ohne Intention kommt es gar nicht erst zu einer Praxis.

Es gilt: Der Weg ist das Ziel. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein. Mehr Emotionskontrolle oder Ausgeglichenheit zum Beispiel lässt sich nur durch viele kleine (Atem-)Schritte erreichen. Die inneren Prozesse, die diese Zustände repräsentieren, brauchen Zeit, um sich an die neue Erfahrung anzupassen. Der Wille und die Intention, den inneren Schweinehund zu überwinden und – gerade zu Übungsbeginn – die selbst auferlegte Praxis durchzuhalten, bis sich das neue Verhalten automatisiert hat, sind die Voraussetzungen für Praxiserfolge.

Haben wir den Schweinehund überwunden und mit der Praxis begonnen, kommt die Ausrichtung der Aufmerksamkeit als Säule 2 ins Spiel.

Säule 2: Fokus üben – Die Bedeutung der Aufmerksamkeit in der Praxis

Grafik zur Säule 2 der Atempraxis in 6 Säulen: Symbolbild für Fokus und Aufmerksamkeit beim Atmen.

Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit, die Sinne auf ein Objekt auszurichten und andere Reize aus der Umwelt sowie aus dem Inneren auszublenden. Innerhalb der Atempraxis bezieht sich die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung der Atmung und aller mit ihr in Zusammenhang stehenden körperlichen und psychischen Phänomene (siehe auch Säule 3: Interozeption).

Atmung verbindet Körper und Bewusstsein

Innerhalb der Atempraxis hat das Belassen der Aufmerksamkeit auf der Atmung als körperlichem Akt eine besondere Bedeutung. Der Atemreflex ist im Gehirn über ein Kerngebiet, den Locus coeruleus (LC), direkt mit der Wahrnehmung und dem Bewusstsein verknüpft. Der Locus coeruleus ist im Körper außerdem für die Ausschüttung des Hormons Noradrenalin zuständig. Noradrenalin bestimmt über den Grad der Aufmerksamkeit und Wachheit und über die Stärke der Stressreaktion („Fight-or-Flight“). Aber auch Lernen und Gedächtnis sowie Stimmung und Emotionen hängen direkt mit Noradrenalin zusammen.

Forscher haben festgestellt, dass die Aufmerksamkeit auf der Atmung und jede Schwingung, die die Atmung erzeugt, die Noradrenalinsekretion verändern. Das bedeutet, dass jeder Atemzug, den wir fokussiert wahrnehmen oder in Frequenz und Tiefe anpassen, den LC unterschiedlich anregt. Je nachdem, wie wir atmen, verändert sich folglich der Noradrenalinspiegel in unserem Körper. Diese anatomische Verbindung hilft rein physiologisch, langfristig die Aufmerksamkeitsfähigkeit zu trainieren und den Fokus auf die Atmung zu verstärken.

Im Gehirn regt die Atempraxis Regionen wie den Kortex an. Dieser Bereich wird mit bewussten körperlichen und psychischen Empfindungen und mit exekutiver Kontrolle assoziiert. Nehmen hierarchisch „überlegene“ Gehirnstrukturen an Nervenzellen zu, verbessert sich ihre Funktion. Sie werden eher in der Lage sein, „niedere“ Gehirnregionen wie die Amygdala zu hemmen. Die Amygdala koordiniert die Reaktion auf emotionale Reize und die Ausprägung der Stressreaktion. Eine dauerhaft starke Noradrenalinsekretion macht sie immer aktiver und empfindlicher. Je empfindlicher und aktiver die Neuronen um die Amygdala sind, desto intensiver fallen die emotionale Reaktion und die Stressreaktion aus.

Die Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel konnte schon vor vielen Jahren aufzeigen, dass die Nervenzellen um die Amygdala zurückgehen, wenn Studienteilnehmende regelmäßig die Beobachtung der eigenen Atmung praktizieren. Sind weniger Nervenzellen um die Amygdala vorhanden, bedeutet das, dass Noradrenalin die Amygdala weniger stark aktivieren kann. Stressimpulse werden weniger intensiv weitergeleitet, da weniger Nervenverbindungen zur Verfügung stehen. Diese strukturelle Veränderung fördert die Emotionsregulation und hilft, auf Dauer entspannter zu agieren und zu reagieren. Wir werden selbstbestimmter und ausgeglichener.

Gedankenkontrolle kann geübt werden

Wie jeder weiß, ist unser Denker nie still. Stetig versucht er, uns von einer fokussierten Praxis abzulenken – oftmals mit Erfolg. Deshalb gilt es, innerhalb der Atempraxis die Aufmerksamkeit immer wieder neu auf die Atmung auszurichten. Auf diese Weise werden in unserem Gehirn die Nervenverbindungen gestärkt, die Fokus und Konzentration repräsentieren. Gleichzeitig entziehen wir durch das wiederholte Fokussieren auf die Atmung den Netzwerken die neuronale Energie, die impulsives Verhalten und emotionale Überreaktionen bedingen. Fühlen wir uns innerlich entspannter und ausgeglichener, kommt das auch in neuen Denkgewohnheiten zum Ausdruck. Ein entspanntes Nervensystem wird andere Gedanken produzieren als ein überfordertes Nervensystem.

Alles, was wir im Außen, aber auch im Denken und Fühlen wahrnehmen, verändert das körperliche Milieu. Das Spüren körperlicher Sensationen, wie eines erhöhten Herzschlags, begleitet von Kurzatmigkeit bei Angst oder feuchten Händen bei Aufregung, wird als Interozeption bezeichnet.

Säule 3: Sich selbst Spüren – die Rolle der Interozeption

Interozeption verstehen: Körperwahrnehmung als wichtige Säule der Atempraxis in 6 Säulen.

Interozeption ist das Spüren und Wahrnehmen all dessen, was im Körper passiert. Die Atempraxis ist ein körperlicher Akt. Die Wirkung, die sie im Nervensystem entfaltet, ist körperlicher Natur. Interozeption als Fähigkeit, das, was im Körper passiert, wahrzunehmen und einzuordnen, hat in der Atempraxis eine doppelte Bedeutung. Innerhalb der Atmung als Prozess bezieht sich Interozeption auf Phänomene wie Veränderungen der Atemfrequenz oder Lufthunger. So werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit nach Luft schnappen, wenn uns Luft fehlt. Wir werden die Luft anhalten, wenn wir uns direkt vor einem Autoauspuff befinden.

Innerhalb der Atmung als Praxis schließt Interozeption zudem die Wahrnehmung dessen ein, was im Körper und in Gedanken durch das stille Sitzen passiert. Also welche Gedanken welche körperlichen Empfindungen verursachen und welche Körperempfindungen wiederrum spezifische Gedanken nach sich ziehen. Der Fokus nach innen bringt all das ins Bewusstsein, was im stressigen Alltag untergeht. Die Haut fängt an zu jucken, der Rücken zwickt. Besonders aktiv wird in Ruhe auch unser „Denker“. Wir werden mit inneren Bildern bombardiert und von diversen Gedanken und Impulsen überflutet. Oft schleichen sie sich leise ein, sodass wir gar nicht merken, dass wir unaufhörlich denken.

Grafik zur Atempraxis in 6 Säulen: Darstellung der Wechselwirkung zwischen kreisenden Gedanken und körperlichen Reaktionen wie Herzrate und Muskelspannung.

Das Nervensystem reagiert auf jeden dieser bewussten und unbewussten Impulse, inneren Bilder und Gedanken mit einer Veränderung der Körperfunktionen. Interozeption bedeutet, diese Reaktionen wahrzunehmen und bewusst zu durchleben. Dieses bewusste Erleben ist notwendig, um im Gehirn, im Nervensystem und folglich im ganzen Körper die erwünschte Neuorganisation anzuregen.

Interozeption fördert die Emotionsregulation.

Die Praxis der Interozeption stärkt nachweislich die Verbindung zwischen Körper und Gehirn. Gleichzeitig steigert sie die Fähigkeit, sich selbst als Körper wahrzunehmen, also die Selbstwahrnehmung. Unterschiedliche Studien weisen darauf hin, dass eine gut ausgeprägte Fähigkeit zur Interozeption die Stresstoleranz erhöht. Wenn wir resilienter im Umgang mit Stress reagieren verbessert sich auch unsere Fähigkeit zur Emotionsregulation. Das Spüren dessen, was im Körper passiert, sowie das bewusste Entziehen der Aufmerksamkeit von negativen körperlichen Phänomenen, ungünstigen Gedanken und äußeren Umständen bedarf Achtsamkeit (Säule 4).

Sind wir in der Praxis mit kummervollen Gedanken beschäftigt, wird sich das in unserem Körper und in unserer Psyche widerspiegeln. Die Achtsamkeit hilft uns dabei, wahrzunehmen, wenn sich uneingeladene Gedanken breitmachen. Durch das Neuausrichten der Aufmerksamkeit und dem Wiederherzustellen des inneren Fokus unterstützen wir das Nervensystem beim Umlernen.

Innerhalb des nächsten Atemblogs werden wir uns intensiver damit beschäftigen, was Achtsamkeit (Säule 4) innerhalb der Atempraxis bedeutet. Detailliert werden wir beleuchten wie sie uns dabei helfen kann, unser Denken, Fühlen und Verhalten zu verändern. Sie werden erfahren, warum das Wissen um die Hintergründe der Praxis, also die Psychoedukation (Säule 5) hilft, Ziele zu erreichen. Und zu guter Letzt werden wir uns in Säule 6, (Technik), mit der Frage auseinandersetzen, wie Atmung als Praxis anatomisch korrekt praktiziert werden sollte.

Im Kommenden Blog:

ATMUNG ≠ ATMUNG:

Die 6 Säulen der Atempraxis – (Teil 2) – Säule 4. Achtsamkeit, Säule 5. Psychoedukation und Säule 6. Technik.

Quelle: Wolke., M. (2026). Ich atme also bin ich. Wie Atmung Denken Fühlen und Verhalten in Einklang bringt. Mayer& Meyer: Achen.

ATEM-BLOG 1. WIE ATME ICH?

Die unterschätzte Superkraft: Warum wir verlernt haben, richtig zu atmen

Die konventionelle Medizin unterschätzt bis heute massiv, wie grundlegend eine funktionelle Atmung die physische und psychische Gesundheit beeinflusst. Dabei blicken wir auf ein evolutionäres Meisterwerk zurück: Über Millionen von Jahren hat sich unsere Atmung optimiert und an den aufrechten Gang angepasst. Ein entscheidender Meilenstein war dabei die Entstehung des Zwerchfells vor rund 300 Millionen Jahren. Dieser evolutionäre Sprung ersetzte die weniger effektive Brustatmung durch die weitaus effizientere Zwerchfellatmung.

Diese Entwicklung zeigt, wie eng Atemmuster mit unserer biologischen Anpassung verbunden sind.

Das Paradoxon: Unsere Atmung scheint sich zurückzuentwickeln

Obwohl uns die Evolution das perfekte Werkzeug geschenkt hat, zeigen aktuelle Forschungen ein besorgniserregendes Bild: Immer mehr Menschen verfallen in eine flache Brust- oder Mundatmung. Unser moderner Lebensstil – geprägt von Bewegungsmangel, Fehlhaltungen und Umweltfaktoren – verdrängt die biologisch effektivste Methode: die tiefe Nasenatmung.

Verstopfte Atemwege durch Allergene oder eine dauerhaft falsche Körperhaltung zwingen uns in Muster, die unserem Organismus langfristig schaden. Dabei ist die evolutionsbiologisch effektivste Form der Atmung kein Geheimnis: Sie ist leise, rhythmisch-variabel und erfolgt tief durch die Nase.

Bevor wir in den kommenden Beiträgen die zahlreichen positiven Effekte der Atempraxis beleuchten, richten wir heute den Fokus auf den Ursprung – Ihre eigene Atmung:

Wie atmen Sie? Jetzt gerade, in diesem Moment?

Das Wissen über die eigene Atmung ist entscheidend. Es kann uns helfen gesünder zu werden und wenn nötig Atemgewohnheiten zu identifizieren, die für unsere umfassende Gesundheit ungünstig sind. Durch Atempraxis oder durch Atemmuskeltraining können Sie die Atemmuskulatur stärken und das persönliche Atemmuster langfristig verbessern.

Deshalb möchte ich Sie heute dazu einladen, einen Augenblick inne zu halten und Ihren Atem wahrzunehmen.

Atmen Sie durch die Nase oder durch den Mund?

Die normale Ruheatmung sollte immer durch die Nase stattfinden. Die körperliche und die psychische Gesundheit sind physiologisch direkt von der Nasenatmung abhängig.

Sind Ihre oberen Atemwege frei?

Das ist insofern wichtig, als dass Nasenatmung tagsüber und nachts nur dann möglich ist, wenn es die Nase zulässt. Verstopfte Nasennebenhöhlen und eine dauerhaft angeschwollene Naseschleimhaut fördern die ungesunde Mundatmung.

Schlafen Sie mit offenem oder mit geschlossenem Mund?

Auch nachts atmen Sie idealerweise mit geschlossenem Mund durch die Nase. Das Schlafen mit offenem Mund zieht viele unangenehme Folgen wie trockene Schleimhäute, nächtliche Weckreaktionen und Schnarchen nach sich. Auch Symptome wie die Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf) und tiefgreifende Erkrankungen wie das metabolische Syndrom (Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck) werden durch die Atmung durch den Mund – tagsüber und nachts – begünstigt.

Welches Nasenloch ist dauerhaft freier und somit dominant?

Da die Anschwellung der Nasenschleimhaut kontralateral mit den Gehirnhemisphären in Verbindung steht ( ist das rechte Nasenloch aktiver spiegelt es sich in der Aktivität der linken Hemisphäre wider und umgekehrt) ist es ausserordentlich wichtig, dass die Nasenlöcher sich in der Anschwellung abwechseln. Ist eine Nasenseite durch eine Verschiebung der Nasenscheidewand, Allergien oder sonstiges langfristig undurchlässig oder verstopft, hat es auf Dauer ungünstige Auswirkungen sowohl auf die Lungen- als auch auf die Gehirnfunktionen.

Wenn Sie als Übung bewusst versuchen, durch das verstopfte Nasenloch zu atmen, stimulieren Sie aktiv die Nasenschleimhaut dieser Seite. Der Luftdruck wirkt dabei direkt auf das Gewebe ein, sodass sich die Nasengänge mit der Zeit immer weiter öffnen können. Im Allgemeinen gilt:

Nasenatmung fördert Nasenatmung.

Je mehr wir uns zwingen, durch die Nase zu atmen, umso durchlässiger werden die Nasengänge.

Atmen Sie leicht und fließend oder angespannt und anstrengend?

Normales Atmen fließt immer leicht und ohne Anstrengung. Eine angestrengte Atmung deutet auf körperliche oder psychische Anspannungen sowie andere Symptome oder Erkrankungen hin. In diesem Fall empfiehlt sich eine ärztliche Abklärung.

Ist Ihr Atem deutlich hörbar oder geräuschlos?

Einen gesunden Atem sollte man nicht hören. Atmung wird nur hörbar, wenn wir uns körperlich belasten oder unter Erkrankungen wie Asthma, COPD, Erkältungen oder Entzündungen der Atemwege und Infektionen leiden. Sollte Ihr Atem laut hörbar und geräuschvoll sein ist es anzuraten Ihren Arzt zu konsultieren.

Beobachten Sie beim Atmen in Ruhe, dass Sie Luft ziehen?

Das Lufteinziehen signalisiert oft psychischen Stress, entspringt aber mitunter auch schwerwiegenden Erkrankungen wie Herzproblemen, Infekten oder geschädigten Atemwegen. Auch hier ist eine ärzliche Abklärung zu emfpehlen.

Wie oft seufzen oder gähnen Sie?

Durch das Gähnen und durch das Seufzen unterstützt der Körper den Gasaustausch und reguliert so durch die Veränderung der Atmung in Frequenz und Tiefe auch Stress und körperliche Anspannung. Beobachten Sie bei sich extrem häufiges Seufzen oder Gähnen, deutet dies unter Umständen auf neurologische Ursachen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin. Solche Atemmuster haben oft harmlose Gründe, verdienen aber besondere Aufmerksamkeit, wenn Symptome wie Brustschmerzen, Schwindel, starke Müdigkeit oder Atemnot sie begleiten. In diesen Fällen schafft eine ärztliche Untersuchung Klarheit und schließt ernsthafte Probleme sicher aus.

Wie variabel ist Ihr Atemrhythmus?

Der variable Rhythmus der Atmung (= Atemratenvariabilität –ARV) weist konform zum variablen Rhythmus des Herzschlags (= Herzratenvariabilität – HRV) auf körperliche und psychische Gesundheit hin. Dabei gilt: Je variabler, desto besser. Eine gesunde Atmung kann sich konform dem Herzschlag immer schnell unterschiedlichen Anforderungen aus dem Körperinneren und aus der Umwelt anpassen. Sollten Sie beobachten, dass Ihre Atmung regelmäßig „stockt“ oder dass Atempausen tagsüber oder nachts auftreten, besprechen Sie es bitte mit Ihrem Arzt.

Fühlt sich Ihr Rumpf bzw. Brustkorb flexibel oder angespannt an?

Starke Spannungen im Muskelgewebe des Rumpfes und des Brustkorbs erhöhen den Widerstand beim Atmen. Diese muskulären Verspannungen schränken die Beweglichkeit der Wirbelsäule sowie die freie, tiefe Atmung ein. Gezielte Physiotherapie oder Yoga lindern diese Blockaden, beugen Verspannungen vor und halten das Gewebe geschmeidig.

Atmen Sie im Alltag tief (Zwerchfellatmung) oder neigen Sie eher zu einer flachen Atmung (Brustatmung)?

Das Zwerchfell kontrolliert idealerweise Ihre Atmung, nicht die Flanken. Ihre körperliche und mentale Entspannung hängen dabei direkt von der Tiefe Ihrer Atemzüge ab. Eine flache Brustatmung stimuliert das Lungengewebe nur unzureichend. Dadurch bleiben wichtige Rezeptoren des Parasympathikus inaktiv, da diese in den unteren Bereichen der Lunge liegen und ein bestimmtes Atemvolumen benötigen. Im Gegensatz dazu stehen die oberen Lungenbereiche vor allem mit Rezeptoren in Verbindung, die an den Sympathikus knüpfen. Eine flache, schnelle Atmung verstärkt folglich rein physiologisch die sympathische Anspannung und die Stressreaktion in Ihrem Körper. Entwickelt sich die Brustatmung zu einem chronischen Zustand, bezeichnen Mediziner dies als Hyperventilationssyndrom.

Fällt es Ihnen leicht oder schwer in den Bauch zu atmen?

Eine eingeschränkte Bauchatmung resultiert häufig aus muskulären Verspannungen der Rückenpartie. Fehlhaltungen beim Sitzen, Bewegungsmangel oder chronischer Stress erhöhen den Muskeltonus derart, dass die Atemmechanik blockiert. Ebenso beeinträchtigen gastrointestinale Faktoren die Zwerchfellaktivität: Gasansammlungen im Darm verlagern das Zwerchfell kranial (nach oben) und reduzieren das inspiratorische Volumen. Zudem reizt Reflux den Nervus phrenicus oder das Zwerchfell direkt, was tiefe Atembewegungen spürbar erschwert.

Bewegen sich Ihre Schultern beim Ein- und Ausatmen?

Die Atembewegung sollte äußerlich nicht sichtbar sein. Bewegen sich beim Atmen Ihre Schultern, zeugt es davon, dass Sie gerade angestrengt atmen. Diese Atmung zeugt von Stress, kann aber auch Anzeichen einer ernsten körperlichen Erkrankung sein. Lange Episoden dieser Atmung können die Nackenmuskulatur verspannen und Hals- und Nackenprobleme fördern.

Jeder Atemzug entscheidet über Ihre Gesundheit

Wie Sie sehen, ist eine gesunde Atmung an bestimmte anatomische Grundlagen geknüpft. Die wichtigsten und fundamentalsten Prinzipien der Atmung, die sich innerhalb der Evolution herausgebildet haben sind:

NASENATMUNG:
LEISE
RHYTHMISCH
VARIABEL
TIEF (ZWERCHFELLATMUNG)

Eine leise, rhythmisch-variable und tiefe Zwerchfellatmung durch die Nase entscheidet folglich über den Zustand unseres Körpers und aller seiner Zellen. Evolutionsbiologisch bringt sie mit dem geringsten energetischen Atemaufwand die größte Atemeffizienz und ist grundlegend für die Aufrechterhaltung der Gesundheit.

Sind wir gesund und entspannt, ist es wahrscheinlich, dass auch unsere Atmung gesund und entspannt ist. Leiden wir unter Verspannungen, Stress oder anderen körperlichen oder psychischen Symptomen wird sich das ebenfalls in unserer Ruheatmung widerspiegeln.

Haben Sie innerhalb der oben dargestellten Punkte Atemweisen identifiziert, die Ihrer Gesundheit schaden könnten, klären Sie zunächst ab, ob anatomische Faktoren vorliegen, die eine normale Nasenatmung verhindern. Stellen Sie bei sich selbst fest, dass Sie tagsüber und nachts vermehrt durch den Mund atmen, unter Schlafapnoe leiden oder flach und schnell atmen, oder sogar hyperventilieren, konsultieren Sie Ihren Arzt, um schwerwiegendere Erkrankungen auszuschließen bzw. um diesen rechtzeitig Vorzubeugen.

Das Wissen um die eigenen Atmung und die Arbeit mit dem Atem können die Gesundheit und die Lebensqualität signifikant verbessern. Weitere relevante Informationen zum Thema Atmung finden Sie auch in meinem am 13.3.2026 erschienenen Buch: Ich atme also bin ich.

Quelle: Wolke., M. (2026). Ich atme also bin ich. Wie Atmung Denken Fühlen und Verhalten in Einklang bringt. Mayer& Meyer: Achen.

Im nächsten Blog: Atemarbeit ≠ Atemarbeit: die 6 Säulen der Atempraxis

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Die Wissenschaft hinter bewusster Atempraxis.

In diesem Blog erfahren Sie alles Wichtige zum Thema Atmung, Atempsychologie, Atemphysiologie und Atemtechnik.

Atmen ist eine der grundlegendsten Funktionen unseres Lebens – und zugleich ein oft unterschätzter Schlüssel zur Gesundheit und persönlicher Entwicklung.

Dieser Atem-Blog widmet sich der Frage, wie bewusste Atmung den Körper, das Gehirn und das Nervensystem beeinflusst. Regelmäßige Atempraxis kann helfen, innere biologische Prozesse zu verändern und beeinflusst auf diesem Weg die körperliche und die psychische Gesundheit.

In diesem Blog geht es um das „WIE“ hinter der Praxis. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Atmung, begleitet von praktischen Übungen, sollen dazu verhelfen, die tiefgreifende physiologische Wirkung hinter der Praxis zu erleben und gleichzeitig zu verstehen.

Themenwünsche nehme ich sehr gerne entgegen.

Ich freue mich sehr auf die gemeinsame gesundheitsfördernde Atemreise:)!