Die Bedeutung einer gut funktionierenden Atmung für die körperliche und psychische Gesundheit wird bis heute unterschätzt. Dabei hat sich die Art wie wir atmen über viele Millionen Jahre weiterentwickelt, an den aufrechten Gang angepasst und immer wieder optimiert, bis dann vor ca. 250 – 300 Mio. Jahren als evolutionärer Sprung das Zwerchfell entstand und die als weniger effektiv erachtete thorakale Atmung (Brustatmung) durch die effizientere Zwerchfellatmung (Bauchatmung) ersetzte.
Unsere Atmung scheint sich zurückzuentwickeln!
Innerhalb der vergangenen Jahre berichtet die Forschung, dass immer mehr Menschen flach in die Brust oder durch den Mund atmen. Die evolutionsbiologisch effektivste Art der Atmung: durch die Nase und tief in den Bauch, scheint dank dem modernen Lebensstil zusehends den weniger effektiven und gesundheitsschädigenden Varianten, Mund- oder Brustatmung zu weichen.
So begünstigen z. B.eine falsche Körperhaltung, Bewegungsmangel und Übergewicht die Brustatmung. Unsaubere Luft, Allergene und viele andere Faktoren beeinflussen die Schleimhäute, verstopfen die Nase und fördern so die schädliche Mundatmung.
Die evolutionsbiologisch effektivste Form der Atmung ist eine leise, rhythmisch-variable und tiefe Nasenatmung.
Bevor wir uns innerhalb der folgenden Blog-Beiträge mit den zahlreichen positiven Effekten der Atempraxis beschäftigen, wenden wir heute unsere Aufmerksamkeit der eigenen Atmung zu:
Wie atmen Sie? Jetzt gerade, in diesem Moment?
Das Wissen über die eigene Atmung ist entscheidend. Es kann uns helfen gesünder zu werden und wenn nötig Atemgewohnheiten zu identifizieren, die für unsere umfassende Gesundheit ungünstig sind. Durch Atempraxis oder durch Atemmuskeltraining kann die Atemmuskulatur gestärkt und das persönliche Atemmuster langfristig verbessert werden.
Deshalb möchte ich Sie heute dazu einladen, einen Augenblick inne zu halten und Ihren Atem wahrzunehmen.
Atmen Sie durch die Nase oder durch den Mund?
Die normale Ruheatmung sollte immer durch die Nase stattfinden. Die körperliche und die psychische Gesundheit sind physiologisch direkt von der Nasenatmung abhängig.
Sind Ihre oberen Atemwege frei?
Das ist insofern wichtig, als dass Nasenatmung tagsüber und nachts nur dann möglich ist, wenn es die Nase zulässt. Verstopfte Nasennebenhöhlen und eine dauerhaft angeschwollene Naseschleimhaut fördern die ungesunde Mundatmung.
Schlafen Sie mit offenem oder mit geschlossenem Mund?
Auch nachts sollte mit geschlossenem Mund durch die Nase geatmet werden. Schlafen mit offenem Mund geht mit vielen unangenehmen Folgen wie einer trockenen Schleimhaut, nächtlichen Weckreaktionen und dem Schnarchen einher. Auch Symptome wie die Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf) und tiefgreifende Erkrankungen wie das metabolische Syndrom (Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck) werden durch die Atmung durch den Mund – tagsüber und nachts – begünstigt.
Welches Nasenloch ist dauerhaft freier und somit dominant?
Da die Anschwellung der Nasenschleimhaut kontralateral mit den Gehirnhemisphären in Verbindung steht ( ist das rechte Nasenloch aktiver spiegelt es sich in der Aktivität der linken Hemisphäre wider und umgekehrt) ist es ausserordentlich wichtig, dass die Nasenlöcher sich in der Anschwellung abwechseln. Ist eine Nasenseite durch eine Verschiebung der Nasenscheidewand, Allergien oder sonstiges langfristig undurchlässig oder verstopft, hat es auf Dauer ungünstige Auswirkungen sowohl auf die Lungen- als auch auf die Gehirnfunktionen.
Wenn Sie nun bewusst als Übung einige Male die Intention zeigen, durch das verstopfte Nasenloch zu atmen, stimulieren Sie aktiv, auch über den Druck, den die Luft verursacht, die Nasenschleimhaut auf dieser Nasenseite, wodurch diese mit der Zeit immer durchlässiger wird. Im Allgemeinen gilt:
Nasenatmung fördert Nasenatmung.
Je mehr wir uns zwingen, durch die Nase zu atmen, umso durchlässiger werden die Nasengänge.
Atmen Sie leicht und fließend oder angespannt und anstrengend?
Das normale Atmen sollte immer leicht und ohne Anstrengung stattfinden. Angestrengte Atmung deutet auf köperliche oder psychische Anspannungen oder andere Symptome bzw. Erkrankungen hin und sollte ärztlich abgeklärt werden.
Ist Ihr Atem deutlich hörbar oder geräuschlos?
Einen gesunden Atem sollte man nicht hören. Atmung wird nur hörbar, wenn wir uns körperlich belasten oder unter Erkrankungen wie Asthma, COPD, Erkältungen oder Entzündungen der Atemwege und Infektionen leiden. Sollte Ihr Atem laut hörbar und geräuschvoll sein ist es anzuraten Ihren Arzt zu konsultieren.
Beobachten Sie beim Atmen in Ruhe, dass Sie Luft ziehen?
Lufteinziehen kann auf psychischen Stress hinweisen, aber auch durch schwerwiegende Erkrankungen wie Herzprobleme oder Infekte und Erkrankungen der Atemwege verursacht werden. Auch hier ist eine ärzliche Abklärung zu emfpehlen.
Wie oft seufzen oder gähnen Sie?
Durch das Gähnen und durch das Seufzen unterstützt der Körper den Gasaustausch und reguliert so durch die Veränderung der Atmung in Frequenz und Tiefe auch Stress und körperliche Anspannung. Beobachten Sie, dass das Seufzen und das Gähnen extrem häufig auftritt bzw. durch Phänomene wie Brustschmerzen, Schwindel starke Müdigkeit oder Atemnot begleitet wird, kann es auf neurologische Ursachen oder Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems hindeuten. Es ist wichtig letztere auszuschließen.
Wie variabel ist Ihr Atemrhythmus?
Der variable Rhythmus der Atmung (= Atemratenvariabilität –ARV) weist konform zum variablen Rhythmus des Herzschlags (= Herzratenvariabilität – HRV) auf körperliche und psychische Gesundheit hin. Dabei gilt: Je variabler, desto besser. Eine gesunde Atmung kann sich konform dem Herzschlag immer schnell unterschiedlichen Anforderungen aus dem Körperinneren und aus der Umwelt anpassen. Sollten Sie beobachten, dass Ihre Atmung regelmäßig „stockt“ oder dass Atempausen tagsüber oder nachts auftreten, besprechen Sie es bitte mit Ihrem Arzt.
Fühlt sich Ihr Rumpf bzw. Brustkorb flexibel oder angespannt an?
Je stärker die Anspannung im Muskelgewebe des Rumpf und des Brustkorbs, umso höher ist auch der Widerstand, der beim Atmen überwunden werden muss. Muskuläre Anspannungen können die Beweglichkeit der Wirbelsäule und die freie, tiefe Atmung einschränken. Gezielte Physiotherapie oder auch Yoga können helfen muskuläre Verspannungen zu lindern oder vorzubeugen und das Gewebe geschmeidig zu halten.
Atmen Sie im Alltag tief (Zwerchfellatmung) oder neigen Sie eher zu einer flachen Atmung (Brustatmung)?
Die Atmung sollte durch das Zwerchfell kontrolliert werden und nicht durch die Flanken. Die körperliche und mentale Entspannung hängen direkt mit der Tiefe der Atmung zusammen. Eine flache Brustatmung stimuliert nur unzureichend das Lungengewebe. Wichtige Rezeptoren des Parasympathikus, die sich in den unteren Bereichen der Lunge befinden und erst ab einem bestimmten Atemvolumen stimuliert werden, bleiben inaktiv. Die oberen Bereiche der Lunge stehen vor allem mit den Rezeptoren in Verbindung, die an den Sympathikus geknüpft sind. Eine flache, schnelle Atmung verstärkt folglich rein physiologisch die sympathische Anspannunng und die Stressreaktion im Körper. Wird Brustatmung chronisch, spricht man von einem Hyperventilationssyndrom.
Fällt es Ihnen leicht oder schwer in den Bauch zu atmen?
Bauchatmung kann schwer fallen, wenn der Rücken, durch Fehlhaltung beim Sitzen, wenig Bewegung oder Stress zu stark angespannt ist. Aber auch Magen-Darmbeschwerden können Bauchatmung erschweren, wenn das Zwerchfell durch z. B. Gase im Darmtrakt nach oben gedrückt wird. Magenprobleme wie Reflux können zudem das Zwerchfell reizen, was tiefes Atmen erschwert.
Bewegen sich Ihre Schultern beim Ein- und Ausatmen?
Die Atembewegung sollte äußerlich nicht sichtbar sein. Bewegen sich beim Atmen Ihre Schultern, zeugt es davon, dass Sie gerade angestrengt atmen. Diese Atmung zeugt von Stress, kann aber auch Anzeichen einer ernsten körperlichen Erkrankung sein. Lange Episoden dieser Atmung können die Nackenmuskulatur verspannen und Hals- und Nackenprobleme fördern.
Jeder Atemzug entscheidet über Ihre Gesundheit
Wie Sie sehen, ist eine gesunde Atmung an bestimmte anatomische Grundlagen geknüpft. Die wichtigsten und fundamentalsten Prinzipien der Atmung, die sich innerhalb der Evolution herausgebildet haben sind:
| NASENATMUNG: LEISE RHYTHMISCH VARIABEL TIEF (ZWERCHFELLATMUNG) |
Eine leise, rhythmisch-variable und tiefe Zwerchfellatmung durch die Nase entscheidet folglich über den Zustand unseres Körpers und aller seiner Zellen. Evolutionsbiologisch bringt sie mit dem geringsten energetischen Atemaufwand die größte Atemeffizienz und ist grundlegend für die Aufrechterhaltung der Gesundheit.
Sind wir gesund und entspannt, ist es wahrscheinlich, dass auch unsere Atmung gesund und entspannt ist. Leiden wir unter Verspannungen, Stress oder anderen körperlichen oder psychischen Symptomen wird sich das ebenfalls in unserer Ruheatmung widerspiegeln.
Haben Sie innerhalb der oben dargestellten Punkte Atemweisen identifiziert, die Ihrer Gesundheit schaden könnten, klären Sie zunächst ab, ob anatomische Faktoren vorliegen, die eine normale Nasenatmung verhindern. Stellen Sie bei sich selbst fest, dass Sie tagsüber und nachts vermehrt durch den Mund atmen, unter Schlafapnoe leiden oder flach und schnell atmen, oder sogar hyperventilieren, konsultieren Sie Ihren Arzt, um schwerwiegendere Erkrankungen auszuschließen bzw. um diesen rechtzeitig Vorzubeugen.
Das Wissen um die eigenen Atmung und die Arbeit mit dem Atem können die Gesundheit und die Lebensqualität signifikant verbessern. Weitere relevante Informationen zum Thema Atmung finden Sie auch in meinem am 13.3.2026 erschienenen Buch: Ich atme also bin ich.
Im nächsten Blog: Atemarbeit ≠ Atemarbeit: die 6 Säulen der Atempraxis

